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2022

Fellow Ute Famulla

UTE FAMULLA

Hans Arp als Ausstellungsmacher

1911 findet die erste Ausstellung des Modernen Bundes in Luzern statt. Mit ihrem Schwerpunkt auf aktuelle französische Positionen ist die Schau ein wesentlicher Schritt, die moderne Kunst in der Schweiz bekannt zu machen. Als Ausstellungsmacher agieren Hans Arp und Oskar Lüthy. In der Folgeausstellung 1912 in Zürich wechselt der Schwerpunkt von den Franzosen auf die Künstler*innen des Blauen Reiters, dessen Ausstellungen die jungen Schweizer*innen gesehen haben und zu denen über Paul Klee ein direkter Anschluss besteht. In dieser Manier ist auch die dritte und letzte Ausstellung gestaltet, die 1913 in München und Berlin zu sehen ist. Wieder ist Arp maßgeblich an der Konzeption beteiligt. Die gezeigten Präsentationen des Modernen Bundes sind programmatische Setzungen für die moderne Kunst, die sich dezidiert an den Entwicklungen zunächst in Frankreich und später in Frankreich und Deutschland orientieren. Klee, der vor allem von Hans Arp eingenommen ist, schreibt dann auch über die zweite Ausstellung, es „handelt sich … nicht um ein Experiment, … sondern um ein Bekenntnis …“.

In dem geplanten Forschungsprojekt sollen die von Arp betreuten Ausstellungen recherchiert und analysiert werden und dabei Arps Haltung im Kontext der modernen Bewegung um ein weiteres Kommunikationsmedium ergänzt werden. Seine rege Teilnahme an verschiedenen Künstlergruppen und sein generelles Interesse an der Entwicklung künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten bilden dabei den Hintergrund der Recherche. Der Auseinandersetzung mit künstlerischen Positionen wird gerade im Rahmen von Gruppenausstellungen eine besondere Beachtung geschenkt.

Neben den Ausstellungen des Modernen Bundes wird im Fokus der Betrachtung die Schau Abstrakte und surrealistische Malerei und Plastik (Zürich 1929) stehen, wodurch ein Anschluss an die Thematik des Postdoc-Projekts der Bewerberin geschaffen wird. Dieses hat zum Ziel, die kulturtheoretische Idee der Neuen Optik zu beleuchten, die u.a. grundlegend für die beiden programmatischen Ausstellungen Film und Fotografie (u.a. Zürich 1929) und Abstrakte und surrealistische Malerei und Plastik (Zürich 1929) war. Giedion, Arp und Moholy-Nagy gingen bei der Planung dieser Doppelausstellung davon aus, dass durch die medialen Veränderungen ihrer Gegenwart eine neue kollektive, visuelle Kultur bevorstand, die sich 1929 in den progressiven Strömungen der Kunst, aber auch in Wissenschaft und Technik zeige. Die Ausstellungen dienten der massenhaften Verbreitung der gemeinsam entwickelten Thesen und bedienten sich dabei nicht nur künstlerischer Methoden der Visualisierung, sondern griffen mit der vergleichenden Betrachtung eine zeitgenössische kunsthistorische Argumentation auf.


Stipentiatin Julia Keller

JULIA KELLER

Hans Arp (1886–1966) & Sophie Taeuber-Arp (1889–1943)

Zu ihrem Einfluss auf eine jüngere Künstler:innengeneration in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts am Beispiel der Schweizer Künstlerin Heidi Bucher (1926–1993)

Ich möchte mich in meinem Forschungsvorhaben vertieft sowohl mit Hans Arp als auch mit Sophie Taeuber-Arp auseinandersetzen, um der Frage nach den Einflüssen ihres Schaffens auf die Schweizer Künstlerin Heidi Bucher nachzugehen. Mit dem Projekt möchte ich zum Verständnis der künstlerischen Bedeutung von Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp für eine jüngere Künstler:innengeneration beitragen sowie gleichzeitig neue Perspektiven auf das Schaffen dieser Pionier:innen der Abstraktion ermöglichen. Das geplante Forschungsvorhaben steht im Kontext meines Dissertationsprojekts zur Künstlerin Heidi Bucher, deren Oeuvre erstmals grundlegend untersucht wird. Dabei wird Buchers Werk bereits in Ausstellungen einem größeren Publikum vorgestellt, etwa im Haus der Kunst in München, das Heidi Bucher eine umfassende Retrospektive (Heidi Bucher. Metamorphosen, Haus der Kunst, 17.9.2021-13.2.2022) widmete.

Die Auseinandersetzung mit den Werken sowohl von Hans Arp als auch von Sophie Taeuber-Arp ist für das Verständnis von Buchers Schaffen und der Verbindung von Abstraktion, Natur und Körperlichkeit in ihrem Werk von zentraler Bedeutung. Vor diesem Hintergrund möchte ich während eines Forschungsaufenthalts in Berlin die von Arp und Taeuber-Arp entwickelten Abstraktionsverfahren unter dem Aspekt der Körperlichkeit untersuchen. Bei Hans Arp interessiert mich dabei insbesondere die künstlerische Praxis des «Cut-Out» und die Frage nach deren konzeptuellen Schnittstelle zur Schneiderei. Weiter möchte ich der Frage nachgehen, inwiefern das Kunsthandwerk – insbesondere Textilien und deren enge Beziehung zum menschlichen Körper – Sophie Taeuber-Arp als konzeptuelle Grundlage ihrer abstrakten Kunstwerke diente. Nicht zuletzt soll dabei auch zur aktuellen Neubewertung des Textilen in der Kunst des 20. Jahrhunderts beigetragen werden.


Fellow Talia Kwartler

TALIA KWARTLER

Sophie Taeuber Arp: Material als Multiple

Dieses Forschungsvorhaben konzentriert sich auf die unterschiedlichen Möglichkeiten des Materialgebrauchs bei Sophie Taeuber-Arp. Es ist zugleich das 2. Kapitel Talia Kwartlers PostDoc-Projektes „Architekturen der Avantgarde“, in der sie untersucht, wie fünf Künstlerinnen – Sonia Delaunay, Sophie Taeuber-Arp, Suzanne Duchamp, Nelly van Doesburg und Annie Albers – anhand des Materials eine neue künstlerische Sprache entwickeln. Im Fall von Sophie Taeuber-Arp geht es ihr jedoch nicht nur die Wahl des Materials, vielmehr beschäftigt sie sich mit den Verarbeitungen der Entwürfe in verschiedenen Medien – von Textilarbeiten, Perlarbeiten zu Tanz und von Mode zu Malerei und Architektur.

Indem die Forscherin ihr PostDoc-Projekt mit einem Kapitel über Sophie Taeuber-Arp beginnt, kann sie damit den Grundstein für die umfassenden Fragen des Projektes legen: Was bedeutet es etwa für ein Material ‚multiple‘ zu sein? Und wie passt dieses Verständnis zu Taeuber-Arp? Talia Kwartler nähert sich dieser Idee metaphorisch, material-fokussiert und objekt-orientiert an. Sie geht davon aus, dass das Material, mit dem ein*e Künstler*in arbeitet, sehr in der Alltagswelt verbunden ist, jedoch auch über figurative Qualitäten verfügt. Die Vorstellung von einem Material als ‚Multiple‘ verweist auf diese unterschiedlichen Zugänge der Erforschung. Ein Material kann verschiedene Dinge innerhalb eines Kunstwerkes sein und es kann auch „multiple“ sein, wenn es sich über einen größeren Werkkörper erstreckt. Dies zeigt sich zum Beispiel eindrücklich bei Taeuber-Arps Werken und wurde auch bei der gerade zu Ende gegangenen Retrospektive Sophie Taeuber-Arp: Living Abstraction (2021–2022) ersichtlich. Diese Ausstellung zeigte eindrucksvoll die Bezüge zwischen Taeuber-Arps Schaffen in den verschiedenen Medien und die enge Verbindung zwischen ihren verschiedenen Materialien und Formen. Eines der Ziele dieses Projekts ist es deshalb auch, im Dialog mit Kurator*innen und Restaurator*innen ein System für kollaborative Forschung zu den Materialien der Avantgarde zu entwickeln.

Dieses Forschungsprojekt vertieft das Zusammenspiel zwischen Taeuber-Arps Materialien und den Formen. Geometrische Formen bestimmen ihre Arbeit – Kreise, Quadrate, Linien und Rechtecke – und bieten die Struktur für diese Studie. Es gibt einen bestimmenden Aspekt in ihrer Kunst, der konstant bleibt, egal ob sich das Material verändert. Wenn man nachverfolgt, wie sich diese Formen durch den Wechsel der Medien von einer Sache in etwas anderes verwandeln, wird deutlich, wie Taeuber-Arp diese Aspekte in ihrer Kunst fruchtbar macht. Die Betrachtung von Taeuber-Arp vor der Folie ihrer Kolleginnen, die ebenfalls materialübergreifend arbeiteten, zeigt, wie ihre künstlerische Praxis die Entwicklungen der Avantgarde prägte.


Fellow Annadea Salvatore

ANNADEA SALVATORE

Dialog zwischen Skulptur und Malerei: Hans Arp und Leone Minassian.

Eine italienische Freundschaft

Das hier vorgeschlagene Forschungsprojekt möchte die Freundschaft zwischen zwei Künstlern des 20. Jahrhunderts, Hans Arp (1886-1966) und Leone Minassian (Istanbul 1905–Venice 1978) untersuchen. Nachdem sie seit 1952 ausführlich schriftlich korrespondiert hatten, trafen sich beide 1954 auf der XXVII. Biennale von Venedig, auf der Arp internationale Erfolg feierte und sein Werk mit dem Skulpturenpreis geehrt wurde. Das war der Beginn einer lebenslangen Freundschaft.

Für den Maler und Kritiker Minassian besaßen die Werken des französischen Bildhauers Vorbildcharakter, was sich auf seine künstlerische Entwicklung auswirkte. 1962 kaufte Minassian auf der Biennale Arps Bronze Fruit préadamite. Arp wiederum kaufte eine Zeichnung von Minassian an, die 1954 auf der Biennale ausgestellt war. Die Werke von Minassian, die in den fünfziger Jahren entstanden sind, weisen enge Bezüge zu denen von Arp auf. Ein Zitat des Malers verdeutlicht die Bedeutung Arps für sein Werk: „Mein Entwicklungsprozess verlief äußerst langsam, und ich verdanke die Entdeckung meiner intimsten und naivsten Neigungen dem Beispiel des Bildhauers Jean Arp”. Arp wiederum erklärte 1961, dass Venedig für ihn ein wichtiges Zentrum seiner Bekanntschaften und Begegnungen war: “Unter diesen Freunden könnte ich eine ganze Gruppe von unvernünftigen Künstlern aufzählen. Ich werde mich darauf beschränken, nur Minassian zu erwähnen”. Der armenische Künstler seinerseits erklärte: “Ich kenne ihn seit langem, er ist der überlegene Mann, den ich erwartet habe. Ich hatte die höchste Genugtuung, meine Bilder von ihm gewürdigt zu sehen, und zwar nicht mit vagen Worten, sondern mit präzisen Argumenten. Das war eine meiner größten Freuden. Er möchte, dass ich eine Ausstellung in Paris und in der Schweiz mache. Wir werden sehen. In der Zwischenzeit werde ich darüber nachdenken und daran arbeiten”. Minassian liebte Arps Sprache, seine Dialogbereitschaft und nannte ihm einen „idealen Lehrer”.

Eine systematische Untersuchung dieser Beziehung und dieses Austauschs ist jedoch nie vorgenommen worden. Die Verbindung zwischen Arp und Minassian ging weit über eine Freundschaft hinaus und lässt sich nicht nur auf den Austausch von Werken, den konzeptionellen und stilistischen Einfluss, den Arp auf Minassian ausübte, oder auf die kritischen Beiträge, die dieser dem Werk des elsässischen Künstlers widmete, zurückführen. Es gab eine konstitutive Affinität zwischen diesen beiden Persönlichkeiten, die sie auf eine umfassendere Weise verband. Sie waren durch eine Weltanschauung vereint, die sich vielleicht aus dem Fehlen eines verbindlichen Nexus der kulturellen Identität und der daraus resultierenden geistigen Freiheit ergab. Minassian schrieb über Arp: “Die Faszination, die von seiner betörenden Morphologie ausgeht, ist unermesslich. Viele, die seine Evokationen betrachtet haben, begannen, die Aspekte der Natur mit seinen Augen zu sehen”. Eine starke Harmonie ergibt sich auch aus dem Vergleich der Titel ihrer Werke, die oft mit Tieren – Animal de rêve/Vogel im Raum -, mit Blumen und Früchten – Fruit de la lune/Exotische Traumblume – und mit unbelebten Gegenständen – La femme amphore/Multiple amphora – verbunden sind. Arp und Minassian teilten viele kreative Anliegen und bewunderten sich sehr. Die Forschung wird auch das Netzwerk von Freundschaften und beruflichen Kontakten im Umfeld der beiden Künstler berücksichtigen, darunter den Bildhauer Alberto Viani – Arps bekannter Erbe in Venedig – und prominente Maler wie Osvaldo Licini. Ziel ist es, zu verstehen, wie fruchtbar der Austausch zwischen Arp und Minassian war, nicht nur für die Bildhauerei, sondern auch für die italienische Malerei. Wer weiß, ob wir ihre Namen jemals in einer Ausstellung vereint finden werden.


Fellow Romana Schmalisch

ROMANA SCHMALISCH

Die letzten Tage des Wahnsinns

Das Forschungsprojekt „Die letzten Tage des Wahnsinns“ ist Teil meiner neuen Arbeitsreihe mit dem Titel „Kartographien des Wahnsinns“, die sich Aspekten der psychischen Krankheit im gesellschaftlichen Kontext zuwendet. Dabei soll Krankheit nicht nur als individuelles Problem betrachtet werden, sondern vor allem in Wechselwirkung zum sozialen System, d.h. als Auswirkung wie als (Stör-)Faktor, als Folge, Vorbote oder Auslöser gesellschaftlicher Veränderungen.

In meinem Forschungsprojekt „Die letzten Tage des Wahnsinns“ möchte ich das Verhältnis der Dadaisten zum Wahnsinn und zur Psychoanalyse während des Ersten Weltkriegs untersuchen, insbesondere die Formen, in denen Elemente und Simulationen des Wahnsinns sich in den Dada-Soiréen in sprachlicher, textlicher, performativer und tänzerischer Darbietung manifestierten und wie gleichzeitig in der überarbeiteten Fassung des Marionettenstücks „König Hirsch“ von 1918 der Ort der Psychiatrie und die Psychoanalyse auf parodistische Weise in den Handlungsmittelpunkt rückte.

Im Mittelpunkt dieser Recherche stehen die Arbeiten von Sophie Taeuber‐Arp, ihre performativen Darbietungen, ihr räumliches und tänzerisches Verständnis für Bewegungen und ihre Marionetten für das Stück „König Hirsch“. Wie hat sich Sophie Taeuber‐Arp bei der Entwicklung der Marionetten mit dem Thema der Psychiatrie, Hysterie und Psychoanalyse auseinandergesetzt? Und wie könnte eine re-aktualisierte Fassung von „König Hirsch“ aus heutiger Sicht aussehen?

Während des Forschungsprojekts für das Stipendium der Stiftung Arp soll die historische Recherche anhand von „König Hirsch“ und Sophie Taeuber‐Arp mit späteren kritischen Auseinandersetzungen der Freudschen Psychoanalyse und Reaktionen auf die Zeit des Totalitarismus des 20. Jahrhunderts verbunden und mit heutigen Beobachtungen und Tendenzen in Beziehung gesetzt werden, um so eine Neuinterpretation und Skriptfassung von „König Hirsch“ für eine eigene künstlerische Arbeit zu erstellen.


Fellow Dr.-Dagmar-Schmengler
Fellow Dr.-Michal-Markiewicz

DAGMAR SCHMENGLER UND MICHAL MARKIEWICZ

Wo unser Körper endet. Biomorphismus und Abstrakte Kunst als Erbe der internationalen Avantgarde

Der Einfluss des Künstlerpaares Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp auf die Entwicklung der europäischen Kunst scheint ungebrochen. Allerdings sind die Impulse, die von dessen Werk und Korrespondenz ausgehen, mit Blick auf Mittel- und Osteuropa, insbesondere Polen, weit weniger erforscht. Das Künstlerpaar wirkte aktiv in intermedialen Künstlernetzwerken der Avantgarde, deren Strahlkraft sich heute an Beispielen internationaler Gegenwartskunst, beispielsweise in Deutschland und Polen, belegen lässt.

Das polnische Künstlerpaar Władysław Strzemiński und Katarzyna Kobro haben der internationalen Avantgarde vergleichbar wichtige Impulse geliefert wie Arp und Taeuber-Arp; gegenseitig lernten sie ihr Werk kennen und schätzen, suchten die Auseinandersetzung, die von Diskussionen etwa über die Abstrakte Kunst bis hin zum Biomorphismus reichte. Aber wie ist der Umgang mit biologischen Formen heute? Welche künstlerischen Transformationsprozesse lassen sich im historischen Vergleich ausmachen? Besteht ein Zusammenhang zwischen dem Konzept der Gegenwart und dem historischen Kontext der internationalen Avantgarde? Und wie sind Biomorphismus und Körperlichkeit inmitten heutiger intellektueller und rationaler Diskurse zu verorten?

Basia Bańda sei als eine Vertreterin der Gegenwartskunst angeführt. Ihre abstrakt-geometrischen biomorphen Formen erinnern an die Bildersprache von Arp und Taeuber-Arp. Die Atmosphäre der Märchenwelt und der Groteske spielen für sie eine Rolle. Sie wird ihr zur Formel, um Leben in all seinen Facetten biologischer Vitalität – von Schönheit zur Monstrosität, von Freude zur Angst – abzubilden. Bańdas Motive scheinen in der Luft zu schweben, sie regen zur Rezeption von Bildern an, hüllen sie in ein Assoziationsgeflecht. Damit repräsentieren sie das Lebensgefühl unserer Zeit, das von der Künstlerin gleichermaßen mystifiziert wie aggressiv bejaht wird.